S3-Leitlinie „Stilldauer und Interventionen zur Stillförderung“ (AWMF 027-072) und Beikosteinführung

Breast is best – bis zum vollendeten 6. Lebensmonat und begleitend zur Beikosternährung darüber hinaus 💛

In der aktuellen S-3 Leitlinie „Stilldauer und Interventionen zur Stillförderung“ wird nun genau definiert empfohlen, dass reifgeborene Kinder bis zum vollendeten sechsten Lebensmonat ausschließlich oder überwiegend gestillt werden sollen.

In den aktuellen Handlungsempfehlungen und der S-3 Leitlinie Allergieprävention wird derzeit noch die Empfehlung für den möglichen (! möglich heißt nicht muss !) Beikoststart ab dem 5.Lebensmonat (also frühestens nach vier vollendeten Monaten) und spätestens mit Beginn des 7. Lebensmonats gegeben.

Was bedeutet das für die Beikosteinführung? Kein Stress! Lasst euch nicht unter (Zeit)Druck setzen, beobachtet die individuelle Reife eures Babys, geht responsive miteinander auf kulinarische Entdeckungsreise und erlebt gemeinsam schöne Essmomente.

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Mehr Infos:

Die neue Leitlinie S3-Leitlinie „Stilldauer und Interventionen zur Stillförderung“ (AWMF 027-072)  beschäftigt sich u. a. mit der Fragestellung:

  • Wie lange sollte ausschließlich bzw. teilweise gestillt werden?
  • Welche gesundheitlichen Effekte hat Stillen für Kind und Mutter?

Die Leitlinie hat verschiedene Outcomes in Bezug auf ausschließliches oder überwiegendes Stillen/ Muttermilchernährung für 6 Monate im Vergleich zu kürzere Dauer (<6 Monate) ausschließliches oder überwiegendes Stillen/Muttermilchernährung bzw. Nicht-Stillen analysiert:

1.1 Kindliche gesundheitliche Effekte
1.1.1 Infektionen > Otitis media > Gastrointestinale Infektionen
1.1.2 Kindliche Sterblichkeit in Entwicklunsgländern
1.1.3 Effekte auf atopische Erkrankungen > Asthma> Atopische Dermatitis
1.1.4 Chronisch entzündliche Darmerkrankungen
1.1.5 Mund- und Zahngesundheit > Mundatmung > Frühkindliche Karies > Zahnfehlstellungen
1.1.6 Metabolische Effekte > Adipositas > Diabetes mellitus Typ 1 > Kardiovaskuläre Erkrankungen
1.1.7 Kardiorespiratorische Fitness
1.1.8 Knochendichte
1.1.10 Verhaltens- und Entwicklungsstörungen > Aufmerksamkeitsdefizit/Hyperaktivitätsstörung > Autismus-Spektrum-Störung
1.1.11 Händigkeit
1.1.12 Krebserkrankungen> Leukämie >HTLV-1

1.2 Mütterliche gesundheitliche Effekte
1.2.1 Postpartale Gewichtsretention
1.2.2 Metabolische Effekte > Metabolisches Syndrom > Diabetes mellitus Typ 2 > Bluthochdruck
1.2.3 Osteoporose
1.2.4 Depression
1.2.5 Krebserkrankungen > Brustkrebs > Ovarialkarzinom > Endometriumkarzinom

Das Ergebnis der Leitlinie sind zwei evidenzbasierte Empfehlungen zur Stilldauer:

Evidenzbasierte Empfehlung 1 mit Empfehlungsgrad B

Reifgeborene Kinder sollten bis zum vollendeten sechsten Lebensmonat ausschließlich oder überwiegend gestillt werden.*

*“Unter ausschließlichem Stillen wird die Ernährung ohne die zusätzliche Gabe von Flüssigkeiten, Flaschennahrung oder Beikost verstanden. Die Einführung der Beikost ist dabei gleichbedeutend mit der Beendigung des ausschließlichen Stillens. Beim überwiegenden Stillen werden zusätzlich Flüssigkeiten wie Wasser oder Tee gegeben. Ausschließliches Stillen und überwiegendes Stillen wird auch als Vollstillen bezeichnet. Teilstillen hingegen beinhaltet die Gabe zusätzlicher nahrhafter Flüssigkeiten, wie Muttermilchersatzprodukte und Beikost (WHO 2008).“

Evidenzbasierte Empfehlung 2 Empfehlungsgrad A

Die Gesamtstilldauer für reifgeborene Kinder soll mindestens 12 Monate betragen.

 

*Deutsche Gesellschaft für Kinder- und Jugendmedizin e. V., Deutsche Gesellschaft für Gynäkologie und Geburtshilfe e. V., Deutsche Gesellschaft für Hebammenwissenschaft e. V.: S-3 Leitlinie Stilldauer und Interventionen zur Stillförderung, Version 1.0, Datum, Registernummer 027-072, 2025, verfügbar unter: https://register.awmf.org/de/leitli-nien/detail/027-072 (Zugriff am 20.02.2026)

 

Das bedeutet: Exklusives Stillen für 6 Monate wird empfohlen. Danach startet die Einführung von Beikost unter dem Weiterstillen parallel zur Beikost.

Stilldauer insgesamt: mindestens 12 Monate und weiter so lange Mutter und Kind es wünschen (keine obere Grenze).

Die Daten zum exklusiven Stillen sind:

  • überwiegend Beobachtungsstudien

  • kaum randomisierte Studien (ethisch schwierig)

  • oft konfundiert (z. B. Bildung, sozioökonomischer Status)

Deshalb ist die Evidenzqualität meist moderat bis niedrig. Aber:  die Empfehlung für 6 Monate ausschließlichem oder überwiegendem Stillen ist nicht nur „Studienauswertung“, sondern auch: internationale Konsistenz (WHO) und biologische Norm (Muttermilch als Standard). Also: Evidenz + Public-Health-Abwägung.

Was ist nun der Unterschied zur S3-Leitlinie Allergieprävention (AWMF 061_016) ?

Hier kommt es aktuell zu unterschiedlichen Empfehlungen bezüglich der Beikosteinführung. Die S3-Leitlinie zur Allergieprävention betrachtet Stillen und den Zeitpunkt des Beikoststartes stärker aus der Perspektive der Allergievorbeugung. Eine wichtige Änderung im letzten Update 2022 war dieser Satz: „Präzisiert wurde, dass für den Zeitraum der ersten vier bis sechs Monate nach Geburt nach Möglichkeit ausschließlich gestillt werden soll und auch mit Einführung von Beikost weitergestillt werden soll.“ (Seite 2).

Die Allergieleitlinie gibt als Empfehlung für den Beikoststart also ein mögliches Zeitfenster und keinen eindeutigen Zeitpunkt an. Bis zum nächsten Update bleibt diese Empfehlung auch bestehen und gültig. Die aktuelle Version ist gültig bis:06.12.2026  und derzeit in Überarbeitung.

Wichtiger Fact: In der S3-Leitlinie „Stilldauer und Interventionen zur Stillförderung“ (AWMF 027-072) wurde nicht auf die Häufigkeit der Auftretens von Allergien in Bezug zur Stilldauer analysiert. Die Auswirkungen eines ausschließlichen oder überwiegenden Stillens auf das Allergierisiko wurde nicht untersucht. Dazu liefert aktuell nur die S3-Leitlinie Allergieprävention (AWMF 061_016) konkrete und evidenzbasierte Empfehlungen.

 

Vergleich der beiden Leitlinien 

Hier wird es spannend – und auch für Eltern oft verwirrend.

Thema S3-Leitlinie „Stilldauer und Interventionen zur Stillförderung“ (AWMF 027-072) S3-Leitlinie Allergieprävention (AWMF 061_016)
Exklusives Stillen 6 Monate 4–6 Monate
Beikoststart ab 7. Monat ab 5. Monat möglich
Weiterstillen ausdrücklich empfohlen ebenfalls empfohlen
Stilldauer gesamt mindestens 12 Monate; so lange wie gewünscht keine klare Dauer
Fokus 30 gesundheitsrelevante Endpunkte bei Mutter und Kind; Asthma (1) und atopische Dermatitis (2), aber keine generelle Allergieprävention. Allergieprävention (evidenz-basierte Primärprävention)

(1) Evidenzbasiertes Statement: „Es gibt Anhaltspunkte, dass ausschließliches Stillen für drei bis sechs bzw. sechs Monate im Vergleich zu einer kürzeren Stilldauer und/oder einer geringeren Stillintensität bzw. Nicht-Stillen mit einem protektiven Effekt auf Asthma bei Kindern und Jugendlichen einhergeht.“ … „Es gibt Anhaltspunkte, dass eine Gesamtstilldauer von mindestens zehn bzw. zwölf Monaten (oder länger) im Vergleich zu einer kürzeren Gesamtstilldauer bzw. Nicht-Stillen mit einem protektiven Effekt auf Asthma bei Kindern einhergeht. „*

(2) Evidenzbasiertes Statement: „1. Es gibt auf Basis einer Metaanalyse und einer Beobachtungsstudie keine Anhaltspunkte, dass ausschließliches Stillen für drei bis sechs bzw. sechs Monate im Vergleich zu einer geringeren Stillintensität bzw. Nicht-Stillen mit einem protektiven oder adversen Effekt auf atopische Dermatitis bei Kindern einhergeht. In einer anderen Beobachtungsstudie hingegen geht ausschließliches Stillen für vier bis sechs Monate im Vergleich zu Nicht-Stillen mit einem adversen Effekt auf atopische Dermatitis einher. 2. Hinsichtlich des Wiederauftretens von Symptomen einer atopischen Dermatitis bei Kindern gibt es Anhaltspunkte, dass ausschließliches Stillen für sechs Monate im Vergleich zu nicht ausschließlichem Stillen für sechs Monate mit einem adversen Effekt auf atopische Dermatitis bei Kindern einhergeht.“*

Fazit: Bezüglich Atopischer Erkrankungen ist die Studienlage und das Vertrauen in die Evidenz niedrig bis sehr niedrig.

Was sagt uns das für das Vorgehen bei der Beikosteinführung bei Kindern mit erhöhtem Atopie-Risiko?

Beide Leitlinien widersprechen sich nicht, sondern haben unterschiedliche Perspektiven:

  1. Unterschiedliche Zielsetzung
  1. Stilldauer – der scheinbare oder tatsächliche Konflikt?
  • 6 Monate exklusiv stillen vs. Beikost möglich ab 5. Monat

Beide Leitlinien sagen klar: Stillen bleibt auch nach Beikost wichtig. Beikost ersetzt das Stillen nicht, sondern ergänzt es.

In der Praxis bedeutet das für euch : Eine frühe Gabe der Beikost  vor dem 7. Lebensmonat ist  für die Mehrheit der Säuglinge nicht mit Vorteilen verbunden. Die überwiegende Mehrheit der Endpunkte in der S-3 Leitlinie Stilldauer und Interventionen zur Stillförderung weisen auf potentiell protektive Effekte einer längeren vs. kürzeren Stilldauer hin, worauf die dort abgeleiteten Empfehlungen basieren. Aber: Es gibt nach wie vor ein Zeitfenster (5.–7. Monat) in dem Beikost individuell begonnen werden kann.

Denn- und das ist ein ganz wichtiger Satz, den ich euch an dieser stelle aus meinem Buch „Das große Buch von Babybrei & Beikost“ zitiere:

“Bei der Beikosteinführung ist immer die individuelle Reife zu beachten, die durch verschiedene Komponenten erlangt wird. Dabei spielen immunologische Prozesse, die Organreife, die motorische Entwicklung und die sensorische Akzeptanz eine Rolle.”

Und hier kommen noch zwei wertvolle Zitate aus der S-3 Leitlinie Stilldauer und Interventionen zur Stillförderung*, die ich für wichtig halte, da sie eben diesen individuellen Handlungsspielraum, ohne Druck,  benennen:

 

S3-Leitlinie Stilldauer und Interventionen zur Stillförderung* und Beikosteinführung

Textauszug:

“Die konsentierte Empfehlung stellt eine „sollte“-Empfehlung dar und lässt somit Handlungsspielraum für Abweichungen in der Beratung zu, wenn die individuelle Situation der Mütter und Säuglinge dies erfordert. Generell ist wichtig zu betonen, dass eine individuelle und sensible Beratung essenziell ist, um die Entstehung von Druck und Schuldgefühlen bei Müttern zu vermeiden. Von Seiten des medizinischen Fachpersonals darf keine Stigmatisierung gegenüber Frauen erfolgen, die kürzer oder länger stillen. Sie dürfen nicht unter Druck gesetzt werden, weder zum Stillen noch zum Abstillen, noch dazu, vorzeitig Beikost zu geben.”*

Textauszug:

“Hinsichtlich des Zeitpunkts der Einführung der Beikost ist zu erwähnen, dass die Entwicklung der für die Beikostfütterung erwünschten neuromotorischen Fähigkeiten inter-individuell unterschiedlich ist. Auch wenn Säuglinge teilweise bereits vor Vollendigung des 6. Monats die neuromotorischen Fähigkeiten für den Verzehr von Beikost besitzen (Castenmiller et al. 2019), besteht aus ernährungsphysiologischer Sicht laut EFSA für die meisten Säuglinge keine Notwendigkeit für eine frühe Einführung der Beikost vor dem Alter von 6 Monaten (Castenmiller et al. 2019).”*

*Deutsche Gesellschaft für Kinder- und Jugendmedizin e. V., Deutsche Gesellschaft für Gynäkologie und Geburtshilfe e. V., Deutsche Gesellschaft für Hebammenwissenschaft e. V.: S-3 Leitlinie Stilldauer und Interventionen zur Stillförderung, Version 1.0, Datum, Registernummer 027-072, 2025, verfügbar unter: https://register.awmf.org/de/leitli-nien/detail/027-072 (Zugriff am 20.02.2026)

Wichtigster Punkt: Stillen und Beikost sind kein Entweder-oder sondern: Stillen bleibt – Beikost kommt dazu. 

 

Wir das Ganze Schritt für Schritt evidenzbasiert und bedürfnisorientiert im Familienalltag gelingt- das lest ihr in meinen Büchern.

 

 

FAQ: Häufige Fragen – fachlich beantwortet

Verpasse ich das „Allergiefenster“, wenn ich 6 Monate voll stille?

Nein. Das Zeitfenster ist flexibel (ca. 5–7 Monate)
Wichtig ist auch die Nahrungsmittel-Vielfalt nach Beikosteinführung.

Muss ich ab Beikost weniger stillen?

Nein. Auch in der ersten Beikostzeit gilt: Stillen bleibt die Hauptnahrung für dein Baby.

 Was, wenn Stillen nicht oder nicht so lange klappt?

Stillen ist kein Alles-oder-nichts. DieS-3 Leitlinie Stilldauer und Interventionen zur Stillförderung sagt nicht: „Du musst 6 Monate stillen“ sondern:

„Je länger gestillt wird, desto mehr gesundheitliche Vorteile sehen wir – besonders insgesamt.“

Das bedeutet:

  • jede Stilldauer ist wertvoll
  • auch Teilstillen bringt Vorteile

 Was, wenn nicht (mehr) gestillt wird?

Die Leitlinien und Ernährungsempfehlungen) machen hier klare Aussagen: Industrielle Säuglingsanfangsnahrung (Pre- oder 1er-Nahrung) ist eine sichere und geeignete Alternative, wenn nicht oder nicht voll gestillt wird.

Für den Beikoststart gelten die gleichen Empfehlungen wie bei gestillten Kindern.

 Leitlinien-Konsens Beginn zwischen 5. und 7. Monat nach individueller Beikostreife.

 Es gibt keinen Nachteil für Flaschenkinder beim Beikoststart.

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